Im Paradies zum Erfolg

Eine ERASMUS PLUS Fortbildung zeigt Lehrern Wege in die Zukunft

Ausgangssituation:

Sonne, Meer und Dolce Vita – So stellen wir uns oft das Leben in Italien vor. Leider schaut die Realität in italienischen Familien mit Kindern nicht immer so rosig aus. Die meisten Eltern sind beide berufstätig und haben nur wenig Urlaub. Viele Kinder verbringen viel Zeit allein zu Hause und hängen oft nur am Handy oder vor dem Computer. Vor allem in Zeiten von Corona leiden Kinder unter Lernlücken. Und häufig bleibt in den Familien keine Zeit oder Lust zum Kochen (vor allem in den sozial schwachen), sodass die Kinder oftmals schon die Folgen falscher Ernährung zeigen. All das sind eigentlich auch uns in Deutschland wohlbekannte Probleme aus unserem Familien- und Schulalltag.

Wie gut, dass das von der EU finanzierte Programm ERASMUS PLUS uns Lehrkräften die Möglichkeit eröffnet hat, sich umzusehen, wo es Fortbildungen und Inspirationen gibt, die neue Ideen aufzeigen, mit deren Hilfe wir glücklicher und fitter in die Zukunft aufbrechen könnten. Wir beiden Lehrkräfte Birgit Rembold und Elisabeth Brosig durften im Juli des Schuljahres 2020/21 einen Ort in Sizilien besuchen, wo ein kleines Paradies ein ganzheitliches Konzept entworfen hat, mit dem benachteiligte Kinder positiv geladen werden, um dadurch für Schule und Leben gestärkt zu werden.

 

Die besuchte Organisation

Gigliopoli heißt dieser wunderbare Ort und liegt in der Stadt Milazzo in Sizilien. Stellen Sie sich vor: Auf einem Kap inmitten des Ionischen Meeres steht ein altes Herrenhaus mit Nebengebäuden, eingebettet in einen gigantischen Garten mit Weinfeldern und Wiesen, einem plantagen-ähnlichem Gemüsegarten neben einem Stall für diverse Tiere und vielen schattigen Plätzen unter alten Bäumen. All das ist Erbe eines freimütigen Barons, der „benachteiligten“ Kindern eine Stiftung hinterlassen hat. Dort werden Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten eröffnet, um Kraft zu tanken und Dinge zu erleben, die sie neu aufstellen.
Ganz konkret bedeutet das, dass in Gigliopoli kranke und behinderte Kinder, Kinder aus Brennpunktfamilien und Kinder mit Lerndefiziten zusammenkommen, um dort zusammen zu lernen, zu spielen, kreativ zu wirken und -ganz wichtig- gemeinsam zu essen. Aber wie sieht das konkret aus?
Wenn keine Ferien sind werden die Kids nach der Schule in Gigliopoli betreut. Pädagogen, Lehrer und freiwillige Helfer unterstützen bei den Hausaufgaben, entwerfen kreative Beschäftigungen, singen und spielen in den jeweiligen Gruppen und – ganz wichtig- essen zusammen.
In den Ferien kommen die Kinder, ähnlich einem Ferienprogramm in Deutschland, schon morgens und verbringen den ganzen Tag in Gigliopoli. Sie leben und arbeiten dort wie in einer Stadt für Kinder. Dazu übernehmen sie Veranwortlichkeiten für die wichtigen Elemente, die Gigliopoli als einen bezaubernden Ort ausmacht: Die Tiere mit ihren Stallungen, den Garten; der gepflegt und beerntet werden will; und natürlich die Küche, in der köstliche Speisen gebrutzelt werden, welche dann – ganz wichtig- alle zusammen essen.

Unsere Aufgabe

Genau das wollten wir erfahren: Wie schaut es hinter der glänzenden Fassade aus? Wie funktioniert es, für 80 Kinder und das Personal täglich frisch aus dem eigenen Garten zu kochen? Wie Aufgaben und Arbeiten des Alltags genutzt, um Kompetenzen zu entwickeln? In einer einwöchigen Fortbildung durften wir beiden Lehrerinnen in Milazzo mitarbeiten, um die Arbeitsmethoden und Lernarrangements vor Ort zu beobachten und zu prüfen, welche Elemente am Dossenberger-Gymnasium eingeführt werden könnten.
Die strahlenden Gesichter der kleinen Besucher, die Tomaten ernteten und dann in der Küche mithalfen zu schnippeln und umzurühren, überzeugten uns sofort davon, dass mehr händische Arbeit große Erkenntnisse erzielen kann – auch am Gymnasium.
Wir waren berührt zu sehen, wie tüchtig, fleißig und gut gelaunt die kleinen Akteure mitarbeiteten. Offensichtliches Ziel von Gigliopoli ist es, den Kindern wieder ein Gefühl für sich zu geben. Ohne Handy, im Gespräch mit anderen soll jeder seine eigenen Talente entdecken und entwickeln. Dazu wird im Garten bei der Ernte geholfen, die Tiere versorgt, gekocht und der Tisch gedeckt. Aber auch gesungen, gemalt und gebastelt, gespielt, ein Theaterstück einstudiert und vieles mehr.

 

Unsere Beobachtungen

Wir konnten schon in einer Woche beobachten, wie sich die Kinder veränderten. Sie waren viel präsenter, selbstverständlicher und organisierter unterwegs. Ein Junge, der am ersten Tag ständig störte, war am fünften Tag seines Aufenthalts durch einen einzigen langen Blick zur Ordnung zu rufen. Ein anderer, der am Anfang stets am Essen genörgelt hat, hatte sich am dritten Tag so im Griff, dass er einen Grillspieß mit Sojastücken 20 Minuten intensiv auf Geruch, Konsistenz und Geschmack untersucht und dann gegessen hat, ohne dass ihn jemand aufgefordert hätte. Nicht weil er musste, sondern weil er zeigen wollte, dass er verstanden hat. Denn selbstverständlich gab es nur fleischlose Küche, an der aber keiner etwas auszusetzen hatte. Man muss hier hinzufügen, dass italienische Kinder zu Hause oft sehr verwöhnt werden mit Lieblingsspeisen und oft nicht dazu bewegt werden können, neue Lebensmittel oder Kochrichtungen zu kosten. Die am dritten Tag offerierten Soja-Spieße sahen hübsch aus, schmeckten lecker und konnten unmittelbar in Beziehung gebracht werden zu den beiden goldigen Schweinen auf dem Campus, die täglich von den Kindern liebevoll gefüttert und gepflegt wurden. So haben wir nirgendwo einen Protest nach mehr nach Fleisch vernommen. Täglich gab es eine Pasta, wie sie alle lieben, und ein Secondo, einen zweiten Gang, mit meist neuen, äußerst gesunden Lebensmitteln, um die Kinder an ursprüngliche Geschmacksrichtungen zu gewöhnen.

Unser Fazit

Gigliopoli machte uns klar:

  • Die Lernumgebung hat eine große Wirkung auf Lernende und Lehrende. Wir beide fühlten uns nicht nur wohl in dieser kleinen „Stadt“; wir fühlten uns „zu Hause“.
  • Pädagogisches Arbeiten lohnt sich. Nach nur einer Woche entstand ein sehr vertrauter Umgang, in dem wir alle sehr effektiv arbeiten konnten.
  • Aufgaben zu übernehmen macht Kindern und Jugendlichen Spaß und erfüllt sie mit Selbstvertrauen und Stolz.
    Wir wollen einen kleinen Teil von Gigliopoli in unserer Schule wahr werden lassen. Den Anfang haben wir ja schon gemacht mit dem neu errichteten
  • Schulgarten und einzelnen Kochaktionen. Jetzt sollen Kochen und Garteln ein fester Bestandteil in den Stundenplänen einzelner Klassen werden. Dass das für Lehrer sehr anstrengend ist wissen wir. Aber wenn uns mal die Puste ausgehen sollte, dann denken wir schnell zurück an den Zauber von Gigliopoli und dann werden wir sicherlich ganz schnell wieder neue Kraft verspüren.

Elisabeth Brosig und Birgit Rembold