Die Endphase der DDR

Vortrag von Herrn Jens Hase

War die ehemalige DDR ein Unrechtsstaat? Auf diese wirklich unsinnige, weil überflüssige Frage (in Wirklichkeit der klassische Fall einer rhetorischen) werden aus manchen Kreisen immer wieder verharmlosende bis rechtfertigende Antworten gegeben. Für jeden Zuhörer des Vortrags für die Q 11 ist die eigentlich selbstverständliche Antwort ganz klar, die an dieser Stelle noch einmal kurz und bündig formuliert werden soll: Ja, die DDR war ein Unrechtsstaat!

Im Rahmen des Geschichts- und Sozialkundeunterrichts war bei uns der Günzburger Herr Jens Hase, ehemaliger Botschaftsflüchtling in Prag 1989, zu Gast. Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen und könnte überdies mit den packenden Inhalten nicht konkurrieren, in allen Einzelheiten auf den Vortrag einzugehen – ein paar Stichpunkte mögen genügen:

Herr Hase beschrieb auf sehr persönliche Weise seine Jugend in der DDR sowie seinen Wunsch, diese für immer zu verlassen. Aufgewachsen in der Grenzstadt Eisenach, konnte und musste er aus nächster Nähe die Unmenschlichkeit der innerdeutschen Grenze miterleben. Kurz zur Information: Seit den 1950er Jahren hatte sich die DDR immer mehr gegen den Westen abgeschottet und suchte mit allen Mitteln die Flucht der eigenen Staatsbürger in die freiheitliche Demokratie Bundesrepublik Deutschland zu verhindern. Nicht nur um Berlin herum (die ‚Berliner Mauer‘) entstand ein ausgeklügeltes Grenzsicherungssystem, das mit Waffengewalt die sogenannte Republikflucht (ein Straftatbestand in der DDR!) verhindern wollte. Hunderte Tote an der innerdeutschen Grenze, der letzte der 19jährige Chris Gueffroy im Februar 1989, legen davon ein beredtes Zeugnis ab.

Während der sich verschärfenden Systemkrise im Sommer/Herbst 1989 wuchs in Herrn Hase der Wunsch, ebenfalls wie seine Eltern – denen es als Rentnern möglich war – in die Bundesrepublik auszureisen. Die geregelte Ausreise Jüngerer, vor allem von Fachkräften, suchte die DDR aus Gründen der Selbsterhaltung mit allen Mitteln zu verhindern; Rentner waren dagegen nicht mehr erwünscht, da sie dem Staat nur Kosten verursachten.

Wie viele andere fuhr er unter abenteuerlichen Umständen nach Prag und verweilte mit etwa 4000 anderen Flüchtlingen auf dem Gelände der westdeutschen Botschaft, bis der damalige, in diesem Jahr leider verstorbene Außenminister Hans-Dietrich Genscher in zähen Verhandlungen die Ausreise durchsetzte. Unvergessen bleibt der Moment am Abend des 30. September 1989, als Außenminister Genscher den in drangvoller Enge ausharrenden Botschaftsflüchtlingen die endlich erreichte Ausreise aus der damaligen CSSR verkündigte: Den begonnen Satz konnte er nach dem Schlüsselwort „Ausreise“ nicht mehr beenden, sondern wurde von ohrenbetäubendem Jubel übertönt. Für Herrn Hase stellt dieser Tag seinen zweiten Geburtstag dar, den er mit seiner Familie alljährlich gebührend feiert. Die sehr lebendig gehaltenen Ausführungen Herrn Hases entlarvten eindeutig die Unmenschlichkeit des Systems und verdeutlichten die Vorteile einer demokratischen Gesellschaft, derer man sich oft nicht bewusst ist.

Dass die Veranstaltung eindeutig zu fesseln vermochte, zeigte die Vielzahl an interessierten Fragen seitens der Schüler. Nochmals herzlichen Dank an den Referenten Herrn Hase! Wir freuen uns auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr!

Johannes Heindl (2.6.2016)